Neuere Wissenschaftstheorie

Goetheanismus und neuere Wissenschaftstheorie

 

Es gibt viele Gründe, warum goetheanistischen Ansätzen (bislang) die allgemeine Anerkennung als “wissenschaftlich” verwehrt bleibt. Zum Teil liegt es an diesen Ansätzen selbst bzw. an der Art ihrer Präsentation.

Manches, was als “Goetheanismus” daherkommt, ist kaum mehr als ein naiv-unreflektiertes Nachahmen von Gepflogenheiten. Darin gleicht dieses “naive Goetheanisieren” zwar durchaus einem erheblichen Teil dessen, was innerhalb der anerkannten “Wissenschaft” getrieben wird. Aber es macht eben doch einen großen Unterschied, ob man sich eine derartige Naivität auf einem “gesicherten” Terrain leistet oder auf ungesichertem Neuland. Und das insbesondere dann, wenn sich in das Nachgeahmte und Weitertradierte handfeste Irrtümer mischen. (Siehe hierzu konkrete Beispiele und eine Schilderung der Verhältnisse, unter denen so etwas gedeiht.)

Doch auch methodisch wohlbedachte, ernsthafte Arbeiten können allein dadurch vor einer breiteren Anerkennung “bewahrt” bleiben, daß sie sich dezidiert nur an ein eng umgrenztes Publikum wenden. Und das muß leider als weitgehend typisch für goetheanistische Arbeiten bezeichnet werden. Der real existierende Goetheanismus - im Unterschied zu seinem paradigmatischen Entwurf bei Goethe und Steiner - begreift sich selbst als eine weitgehend inner-anthroposophische Angelegenheit. Anthroposophie wiederum ist (wie sie heute real existiert, nicht unbedingt in ihrem Ansatz bei Steiner) mit Wissenschaftlichkeit ungefähr so kompatibel wie die biblische Schöpfungsgeschichte in einer fundamentalistischen Interpretation (also naiv gläubig genommen). Durch seine enge Verquickung mit dieser esoterischen Lehre rückt der Goetheanismus für einen neutralen Betrachter unweigerlich (und durchaus berechtigterweise) in die Nähe des Kreationismus, der christlich-fundamentalistischen Schöpfungslehre, wie sie in einigen Staaten der USA noch heute (bzw. neuerdings wieder) aufgrund gerichtlicher Verfügungen gleichberechtigt neben der naturwissenschaftlichen Evolutionslehre an den Schulen unterrichtet werden muss. In dieser Form hat er keine Aussicht, einmal als wissenschaftlich anerkannt zu werden (es sei denn, “Wissenschaft” würde künftig einmal so uminterpretiert werden, dass auch ein naiv-fundamentalistischer Glaube in ihr Platz finden könnte).

Aber das sind alles nur Äusserlichkeiten. Seinem Ursprung nach hat Goetheanismus zunächst gar nichts mit dem zu tun, was sich später aus Steiners anderem Projekt, der Anthroposophie, in - wie ich meine - tragischer Weise entwickelte. Und Vieles von dem, was heute an “goetheanistischen” Arbeiten vorliegt, ließe sich sehr wohl auch ohne jegliche Anleihen aus der Anthroposophie darstellen und unabhängig vertreten. Dem stehen offenbar die persönlichen Interessen derjenigen entgegen, die in diesem Bereich tonangebend tätig sind (auch hierzu ein Beispiel), und natürlich auch die Interessen der Institutionen, die bislang bereit sind, für einschlägige Projekte die nötigen Mittel bereitzustellen, - nämlich anthroposophische bzw. der Anthroposophie nahestehende Einrichtungen.

Soweit zu den “hausgemachten” Gründen, warum goetheanistische Arbeiten von den entsprechenden etablierten Fachwissenschaften nicht zur Kenntnis genommen werden (können). Auf der anderen Seite gibt es auch gravierende Hinderungsgründe in diesen Fachwissenschaften selber. Und da ist wohl der Hauptgrund, der allein vollauf genügen würde, dass auch die etablierten Fachwissenschaften in hohem Maße Glaubenssysteme sind, innerhalb derer sich die Fachwissenschaftler bewegen. Goetheanistische Ansätze können - und hier spreche ich aus reicher Erfahrung - von den betreffenden Fachwissenschaftlern in aller Regel erst einmal gar nicht verstanden werden, weil sie sich gar zu sehr außerhalb des “selbstverständlichen” Rahmens bewegen, der eben das “Fach” ausmacht.

Mich selbst hat es große Anstrengungen gekostet, ganz von der konventionellen Naturwissenschaft her kommend (und ohne jegliche “Vorbelastung”) goetheanistische Ansätze verstehen zu lernen. Das ist ein ausserordentlich unbequemes Unterfangen, wenn man sich einmal in seinem Fach eingerichtet hat. Und normalerweise besteht Wissenschaft doch darin, sich in einem Fach einzurichten - und dann dabei zu bleiben. (Was übrigens auch für “Goetheanismus” gilt, wenn man ihn als eine Art Fachwissenschaft begreift und etwa durch die Waldorfschule naiv hineingewachsen ist.)

Goethes “Farbenlehre” (1810) etwa schließt zwar eng an Newtons Experimente an, bewegt sich dabei aber so sehr außerhalb der durch Newton geprägten Vorstellungswelt, dass der an letztere gewöhnte Leser nur immer wieder “anstößt” und sich wundert, ohne aber in den offenkundigen “Irrtümern” und “Fehldeutungen” Goethes einen tieferen Sinn entdecken zu können. Es ist so “selbstverständlich”, mit Newtons Augen auf Goethes Ausführungen zu blicken, dass man bei letzterem nur Irrtümer sehen kann. Ebenso ist Goethes “Metamorphose der Pflanzen” (1790) zwar historisch interessant, aber der Botaniker von heute kann darin gewöhnlich nichts entdecken, was ihn in positiver Weise aus seiner gewohnten Vorstellungswelt hinausführen könnte. Vieles in Goethes Darstellung “stimmt”, manches stimmt nicht so ganz, und insgesamt ist der Schinken ganz schön antiquiert. So lautet denn auch das Urteil heutiger Wissenschaftshistoriker (nur mit dem Unterschied, dass “antiquiert” bei ihnen eher als Wertschätzung zu verstehen ist).

Während meines Studiums hatte ich einmal Gelegenheit, das Urteil eines Biologie-Historikers über ein neueres goetheanistisches Buch zu vernehmen. Es war in der Vorlesung “Geschichte der Biologie”, deren einziger Hörer ich über zwei Semester hin gewesen wäre, wenn meine Lebensgefährtin mich nicht regelmäßig begleitet hätte. Prof. Hans Querner hatte recht ausführlich die romantische Naturphilosophie der Goethe-Zeit dargestellt und erwähnte in diesem Zusammenhang das Buch “Säugetiere und Mensch” von Wolfgang Schad (1971), das in Waldorf-Kreisen verbreitet war und methodisch offenbar an die alte Naturphilosophie anknüpfte. Querner erkannte an, daß Schads Darstellung in sich schlüssig sei. Aber wissenschaftlich haltbar sei sie halt nicht. (Ich lieh mir das Buch trotzdem aus, um es zu kopieren und dann zu lesen.)

Auf der Ebene der Fachwissenschaften (zu der auch die wenigen Exoten gehören, die sich professionell mit der Historie ihres Fachs befassen) haben goetheanistische Ansätze keine Chance. Wer in der etablierten Wissenschaft mitmischen will und sich trotzdem für Goetheanismus interessiert, muss beides strikt trennen (bis zum Ruhestand).

Aber es gibt eine Meta-Ebene, auf der gerade das miteinander in Beziehung gebracht wird, was auf der fachspezifischen Ebene unvereinbar erscheint: die Wissenschaftstheorie oder Wissenschaftswissenschaft. Sie untersucht, wie Wissenschaft vor sich geht, und wendet sich dabei gerade in jüngerer Zeit zunehmend dem zu, was (noch) nicht Wissenschaft ist, aber mit einem wissenschaftlichen Anspruch auftritt und möglicherweise einmal Teil der anerkannten Wissenschaft werden kann. Auf dieser Ebene könnte auch der Goetheanismus ein Gegenstand ernsthafter und durchaus wohlwollender Forschung sein. Immerhin gibt es sogar ernsthafte Studien zur Astrologie oder zur “UFO-Forschung” (Beispiele).

An einer derartigen kritischen Beleuchtung ihrer Arbeit scheinen Goetheanisten bislang aber nicht interessiert zu sein. Während etwa unter Astrologen eine kritische wissenschaftstheoretische Auseinandersetzung mit dem eigenen Tun und seinem theoretischen Hintergrund längst üblich ist (siehe z.B. Peter Niehenke, “Kritische Astrologie”, 1987) und ein interner Kritiker (der zitierte Niehenke) sogar jahrelang Vorsitzender des deutschen Berufsverbands sein konnte, scheuen Goetheanisten sowohl interne sachlich-kritische Auseinandersetzungen als auch die Konfrontation mit externer Kritik. Auf die (überwiegend sozialen) Gründe für diese Scheu gehe ich an anderer Stelle ein. Hier versuche ich, einen Weg zu ihrer Überwindung aufzuzeigen.

Bislang hat die Auseinandersetzung mit dem, was Nicht-Anthroposophen über Wissenschaft denken, in goetheanistischen Kreisen einen sehr geringen Stellenwert. Wenn überhaupt eine Art wissenschaftstheoretischer Überbau für nötig befunden wird, dann zieht man gewöhnlich die erkenntnistheoretischen Schriften Steiners heran (siehe vorige Seite), die in den Jahren 1883 bis 1894 erschienen. Die gesamte Erkenntnis- und Wissenschaftstheorie des 20. Jahrhunderts bleibt hingegen unberücksichtigt.

Diesem Mißstand schien das 1984 erschienene Buch “Grundlinien einer essentialen Wissenschaftstheorie - Die Erkenntnistheorie Rudolf Steiners im Spannungsfeld moderner Wissenschaftstheorien” von Helmut Kiene abhelfen zu wollen. Tatsächlich streift Kiene die “neueren” Entwicklungen in der Wissenschaftstheorie (20. Jh.) jedoch nur kurz, um sie letztlich als irrelevant abzutun. Seine “essentiale Wissenschaftstheorie” ist daher nicht viel mehr als ein interpretierender Kommentar zu Steiner. Als Beitrag zur Wissenschaftstheorie des späten 20. Jahrhunderts kann sie schwerlich ernst genommen werden.

Wenn Goetheanismus mehr sein will als eine alternative Naturwissenschaft speziell für Anthroposophen, dann kommt er um eine wirkliche Auseinandersetzung mit der heutigen Wissenschaftstheorie nicht herum. Ein verächtliches Abwatschen fast jeglicher Philosophie vor und nach Steiner, wie es Kiene exerziert, mag unter Anthroposophen ankommen, aber für wissenschaftstheoretisch nicht ganz ahnungslose Außenstehende ist es einfach nur lächerlich.

Dabei steht es derzeit gar nicht schlecht um die Möglichkeit einer Verständigung zwischen einem weltoffenen Goetheanismus und der aktuellen Wissenschaftstheorie. Was innerhalb der Wissenschaftstheorie in den letzten Jahrzehnten stattfand, wäre durchaus wert, auch unter Goetheanisten zur Kenntnis genommen zu werden. Und umgekehrt ist dank dieser Entwicklung so etwas wie Goetheanismus heute wissenschaftstheoretisch viel besser vertretbar als vor fünfzig oder vor hundert Jahren.

Ich kann diesen Brückenschlag hier nicht leisten. Aber ich möchte einige Hinweise geben, die für die Anrainer an beiden Ufern interessant sein könnten.

Fortsetzung: Goetheanismus im Licht von Thomas Kuhns “Struktur wissenschaftlicher Revolutionen”

 

Copyright Klaus Frisch 2004

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